Friedensglocken

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15.4.2020

Am 14. April 1945 vormittags trafen die ersten amerikanischen Panzerspitzen auf der B 85 in Heinersreuth aus Richtung Drossenfeld ein und befreiten unser Dorf von der Nazi-Herrschaft. Es wurde kein Widerstand geleistet. Aus den Fenstern hingen weiße Betttücher. Die Kinder winkten den Soldaten auf ihren Panzern zu. Die Soldaten warfen den Kindern Bonbons und Schokolade von den Panzern. Besonders kinderfreundlich zeigten sich die farbigen Soldaten.

Gestern war ich um 10.00 Uhr und habe Friedensglocken geläutet. Immer eine Glocke dazugeschaltet, einen Choral gesungen oder ein Gebet gesprochen. Eine eindrucksvolle Erfahrung. Schade, dass niemand dabei sein konnte – vielmehr: Ich hoffe, viele waren dabei, haben das Fenster aufgemacht, denn ich hatte die Aktion vorher im Gemeindebrief angekündigt.

Jedenfalls habe ich mit der Totenglocke begonnen. Für 66 Millionen Tote. Männer, Frauen, Kinder, die gerne weitergelebt hätten. Die meisten starben im letzten Kriegsjahr, als der Krieg ja schon entschieden war, und als die Sehnsucht nach Frieden am größten war.

Dann kam die Gebetsglocke dazu. Ich habe diese Glocke für alle geläutet, die aus ihrer Sehnsucht nach Frieden ein Gebet gemacht haben. Gebet verbindet. In den Jahrzehnten nach dem Krieg haben sich Christen auf der ganzen Welt zu Friedensgebeten versammelt, sind zu Friedensstiftern geworden. Besonders faszinieren mich die „Friedenskirchen“ der USA. Diese christlichen Gruppen, z.B die Mennoniten, haben den Dienst an der Waffe verweigert. Sie haben aber schon zu Kriegszeiten für den Frieden und Wiederaufbau geplant und vorbereitet. Ohne diese Taten und Gesten wäre vielleicht kein so dauerhafter Frieden möglich geworden. In Afghanistan und Irak kann man heute beobachten, was geschieht, wenn man zwar den Krieg gewinnt, aber nicht auch den Frieden.

Als nächstes kam die große Glocke, die Herrenglocke: Jesus Christus herrscht als König. Er ist der Friedefürst. Unsere kriegsbegeisterten Großväter mussten das auf die harte Tour lernen. Jesus ist König, er leidet mit den Opfern der Kriege und er lehrt uns in Frieden leben:

Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 3 Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 4 Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat's geredet. (Micha 4,2-4)

Ich zitiere das aus der Bibel Jesu, dem Teil der Bibel, der uns mit den Juden verbindet. Jesus war Jude, vergessen wir das nicht!

Als nächstes habe ich die Totenglocke ausgemacht. Der Krieg hat ein Ende gefunden. Unsere Totenglocke ist die einzige Glocke in Heinersreuth, die das Kriegsende überstanden hat. Die anderen Glocken waren zu Rohmetall für Panzer und Kanonenkugeln geworden. Die anderen wurden nach dem Krieg wieder neu erworben, und feierlich aufgehängt, wie im Foto zu sehen. Meine Kinder haben mich gefragt, wo das Metall dafür herkam. Natürlich wurde in dieser Zeit viel Kriegsgerät verschrottet. Wer weiß, vielleicht sind unsere Glocken aus Panzern und Kanonenkugeln, so dass sich das Wort des Propheten Micha hier erfüllt hat!

Zuletzt durfte die große Glocke wieder schweigen und die Gebetglocke läutete allein. Wir sollen im Gebet bleiben und lernen, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Friedensgebete mahnen, sich für den Frieden einzusetzen,  machen dankbar, werden erhört.

Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! (Markus 14,38)

herzlichst, Euer Pfarrer Otto Guggemos